KI und DNA in der Forensik: Chancen für Ermittlungen, Risiken für Grundrechte
Dieser Text wurde (ganz oder teilweise) mit Hilfe von KI erstellt.
Stand: 10.04.2026. Anlass ist ein Beitrag von IT BOLTWISE vom 21.02.2026 zum Einsatz von KI und DNA in der Forensik. Das Thema verbindet zwei Entwicklungen: die klassische DNA-Analyse zur Identifizierung von Personen und neue KI-Verfahren, die aus genetischen Daten zusätzliche Hinweise ableiten sollen. Dazu zählen Aussagen über Augen-, Haar- und Hautfarbe, Alter, entfernte Verwandtschaftsbeziehungen und in Forschungsarbeiten sogar rechnerisch erzeugte Gesichtsmodelle. Für Ermittlungsbehörden kann das hilfreich sein, wenn es keine direkten Treffer in bestehenden Datenbanken gibt. Gleichzeitig berührt diese Technik besonders sensible Informationen und damit zentrale Fragen des Datenschutzes, der Verhältnismäßigkeit und des Diskriminierungsschutzes.
In Deutschland ist die Lage enger begrenzt als in den USA. Der geltende § 81e StPO erlaubt bei unbekanntem Spurenverursacher zusätzliche Feststellungen über Augen-, Haar- und Hautfarbe sowie das Alter der Person. Eine allgemeine Freigabe weitergehender Herkunfts- oder Ahnenforschungsanalysen enthält die Norm dagegen nicht. Auch in der rechtswissenschaftlichen Debatte wird betont, dass die biogeografische Herkunftsanalyse in Deutschland weiterhin hoch umstritten ist und nach geltendem Strafprozessrecht nicht freigegeben wurde. Kritiker warnen davor, dass aus statistischen Wahrscheinlichkeiten vorschnell soziale oder ethnische Zuschreibungen gemacht werden könnten.
Die USA gehen beim Ermittlungswerkzeug der genetischen Genealogie deutlich weiter. Spätestens seit dem Fall des Golden State Killers ist bekannt, dass DNA-Spuren aus alten Gewaltverbrechen mit offenen Genealogie-Datenbanken abgeglichen werden können, um über Verwandtschaftsbeziehungen neue Ermittlungsansätze zu gewinnen. Der Fall führte 2018 zur Identifizierung von Joseph James DeAngelo; 2020 hielt die Staatsanwaltschaft ausdrücklich fest, dass er durch Investigative Genetic Genealogy identifiziert wurde. Zugleich reagierte das US-Justizministerium mit einer Richtlinie, die den Einsatz dieser Methode in geförderten Verfahren auf unaufgeklärte Gewaltverbrechen oder die Identifizierung menschlicher Überreste begrenzt. Das zeigt: Selbst dort, wo die Methode genutzt wird, gilt sie nicht als grenzenloses Standardwerkzeug.
Ein wichtiger Unterschied liegt außerdem in den genutzten Datenbanken. Das US-Gesundheitsforschungsinstitut NHGRI beschreibt, dass Investigative Genetic Genealogy auf umfangreichen SNP-Daten und öffentlich zugänglichen oder entsprechend freigegebenen Genealogie-Datenbanken beruht. GEDmatch weist in seinen aktuellen Datenschutzinformationen darauf hin, dass Nutzer zwischen verschiedenen Privatsphäre-Einstellungen wählen können. Wer die Option Public Opt-in auswählt, erlaubt ausdrücklich den Vergleich mit Kits von Strafverfolgern zur Identifizierung von Tätern schwerer Gewaltdelikte; bei Public Opt-out soll genau dieser Abgleich unterbleiben. Für Europa ist die Rechtslage nach Einschätzung des Juristen Taner Kuru weiterhin unsicher, weil unklar ist, auf welche datenschutzrechtliche Grundlage der Zugriff auf solche Datenbanken überhaupt gestützt werden könnte.
Technisch reicht die Entwicklung inzwischen noch weiter. Eine 2025 veröffentlichte Studie um Mingqi Jiao beschreibt mit Difface ein KI-Modell, das aus DNA-Daten dreidimensionale Gesichtsmodelle rekonstruieren soll. In der Veröffentlichung ist von 9.674 gepaarten SNP- und 3D-Gesichtsdaten aus einer Han-chinesischen Datenbasis die Rede. Das ist wissenschaftlich bemerkenswert, aber noch kein Freibrief für den Polizeialltag. Ein späterer Kommentar in Advanced Science hob zwar das transformative Potenzial hervor, warnte aber zugleich vor erheblichen ethischen, rechtlichen und sozialen Herausforderungen. Gerade bei solchen KI-Systemen besteht die Gefahr, dass aus Wahrscheinlichkeiten ein scheinbar präzises Bild wird, das mehr Sicherheit ausstrahlt, als die Daten tatsächlich hergeben.
Der praktische Nutzen solcher Verfahren ist trotzdem real. Wenn klassische Datenbanken keinen Treffer liefern, können DNA-Phänotypisierung oder genetische Genealogie Ermittlungen eingrenzen, falsche Spuren ausschließen und in Einzelfällen jahrzehntealte Gewaltverbrechen aufklären. Sie können also Ermittlungen strukturieren, aber sie ersetzen weder saubere Polizeiarbeit noch gerichtsfeste Beweise. Je weiter die Analyse in Richtung Herkunft, Verwandtschaft und Gesichtsvorhersage geht, desto stärker wächst auch das Missbrauchsrisiko. Deshalb ist entscheidend, dass Wahrscheinlichkeitsaussagen klar gekennzeichnet, richterlich kontrolliert und rechtlich eng begrenzt bleiben.
Für Deutschland bedeutet das: KI und DNA können die Forensik sinnvoll ergänzen, aber nur unter strengen rechtsstaatlichen Bedingungen. Die Chancen liegen in zusätzlicher Ermittlungsunterstützung bei schweren Straftaten. Die Risiken liegen in Eingriffen in genetische Privatsphäre, in möglicher Stigmatisierung ganzer Gruppen und in einer Überschätzung algorithmischer Ergebnisse. Wer über den Ausbau dieser Methoden diskutiert, sollte deshalb nicht nur auf technische Machbarkeit schauen, sondern ebenso auf Transparenz, Fehlergrenzen, Datenschutz und den Schutz vor Diskriminierung.
Quellen
IT BOLTWISE, KI und DNA: Chancen und Risiken in der Forensik, Corporate Author: IT BOLTWISE Redaktion, https://www.it-boltwise.de/ki-und-dna-chancen-und-risiken-in-der-forensik.html, 21.02.2026.
Bundesministerium der Justiz, § 81e StPO – Molekulargenetische Untersuchung, Corporate Author: Bundesministerium der Justiz, https://www.gesetze-im-internet.de/stpo/__81e.html, abgerufen am 10.04.2026.
Deutscher Anwaltverein, PM DAT 03/25: JuMiKo: DAV lehnt biogeografische Herkunftsanalyse von DNA-Spuren ab, Corporate Author: Deutscher Anwaltverein, https://anwaltverein.de/newsroom/dat-03-25-jumiko-dav-lehnt-biogeografische-herkunftsanalyse-von-dna-spuren-ab, 03.06.2025.
Taner Kuru, Investigative genetic genealogy in Europe: Why the manifestly made public by the data subject legal basis should be avoided, Computer Law and Security Review, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0267364925000019, 2025.
National Human Genome Research Institute, Investigative Genomics, Corporate Author: NHGRI, https://www.genome.gov/about-genomics/policy-issues/Investigative-Genomics, zuletzt aktualisiert 09.05.2021.
U.S. Department of Justice, United States Department of Justice Interim Policy: Forensic Genetic Genealogical DNA Analysis and Searching, Corporate Author: U.S. Department of Justice, https://www.justice.gov/olp/page/file/1204386/dl, 2019.
Contra Costa County District Attorney, News Release: Joseph DeAngelo Jr. Pleads Guilty to 13 Murders, 13 Kidnappings and Dozens of Additional Uncharged Crimes, Corporate Author: Contra Costa County District Attorney, https://www.contracosta.ca.gov/CivicAlerts.aspx?AID=2331&ARC=8982, 29.06.2020.
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