Die Geopolitik der Künstlichen Intelligenz
Veröffentlicht: 16. November 2025
Ein neuer globaler Wettlauf hat begonnen – und diesmal geht es nicht um Atomwaffen, sondern um Algorithmen. Der Wettbewerb zwischen den USA und China um die Vorherrschaft in der Künstlichen Intelligenz (KI) wird die geopolitische Landschaft der kommenden Jahrzehnte prägen.
China betrachtet KI als Kernbestandteil seiner „umfassenden nationalen Stärke“. Das Land integriert KI gezielt in Überwachungssysteme, Industrie, Militär und Forschung. Diese enge Verzahnung von Staat und Wirtschaft schafft ein zentral gesteuertes Innovationsmodell, das sich stark von der dezentralen, marktorientierten Struktur der USA unterscheidet.
In den Vereinigten Staaten treibt vor allem der private Sektor den Fortschritt voran – unterstützt durch offene Forschung und internationale Partnerschaften. Dennoch fehlt eine nationale Strategie, die die verschiedenen Akteure bündelt. Der Schutz von Daten und geistigem Eigentum ist oft unklar, was den technologischen Aufbruch bremst.
Der Ausgang dieses globalen Rennens wird weitreichende Folgen haben: Er entscheidet darüber, ob die Zukunft der KI von autoritärer Effizienz oder demokratischer Dynamik geprägt wird. Wer die Standards für Freiheit, Datenschutz und Menschenwürde setzt, wird auch den Charakter der digitalen Welt bestimmen.
Der Atlantic Council hat deshalb die „GeoTech Commission on Artificial Intelligence“ ins Leben gerufen. Ziel ist es, die technologische Führungsrolle der USA und ihrer Verbündeten zu sichern. Im Fokus stehen sechs zentrale Handlungsfelder: Innovation, Lieferketten, Energie, staatliche Regulierung, Talentförderung und internationale Kooperation.
Im Gegensatz zum Manhattan-Projekt, das zentral und militärisch geprägt war, wird der heutige KI-Wettlauf von der Privatwirtschaft dominiert. Firmen wie Google, Microsoft, Nvidia oder OpenAI auf der einen Seite und Alibaba, Huawei oder DJI auf der anderen prägen das Tempo. China verbindet staatliche Zielvorgaben mit wirtschaftlichen Anreizen – ein Modell, das langfristig große Macht entfalten könnte.
Nvidia-Chef Jensen Huang warnte kürzlich, dass China den KI-Wettlauf gewinnen könnte, weil es flexibler agiere und gezielt seine Industrien fördere. Währenddessen konzentriere sich die US-Regierung zu sehr auf Exportbeschränkungen, statt heimische Unternehmen aktiv zu unterstützen.
Dennoch liegt in der Offenheit und Innovationskraft der westlichen Märkte eine Stärke, die langfristig entscheidend sein könnte. Der Wettlauf um KI ist kein Sprint, sondern ein Marathon – einer, der bestimmen wird, welche Werte die digitale Zukunft leiten werden.
Quellen:
1. Frederick Kempe, „It’s time to reckon with the geopolitics of artificial intelligence“, Atlantic Council, 11. November 2025, https://www.atlanticcouncil.org/content-series/inflection-points/its-time-to-reckon-with-the-geopolitics-of-artificial-intelligence/.
2. Josh Chin & Raffaele Huang, „The New AI Cold War“, Wall Street Journal, 11. November 2025.
3. Financial Times, Interview mit Jensen Huang (Nvidia CEO), 8. November 2025.
4. Atlantic Council, „GeoTech Commission on Artificial Intelligence“, 2025.
5. Reuters Connect, „Nvidia CEO Jensen Huang unveils new AI chips at CES 2025“, 6. Januar 2025.